Wollen wir bleiben?

Wollen wir bleiben

Wollen wir bleiben?

“Wollt ihr bleiben?” fragt sie mich. Sie, eine Freundin, die ich während des Studiums in Thüringen kennengelernt haben. Uns verbindet vieles: ähnliches Alter, unsere frühe Kindheit erlebten wir noch in der DDR und die darauf folgenden Wendejahre haben uns sicherlich geprägt. Wir gingen beide noch während des Studiums ins Ausland, nach dem Abschluss dann nach Hamburg und Berlin. Der Zufall führte mich zurück in die Heimat, sie fand Arbeit im Süden von Deutschland.

Ich lebe gern in Leipzig. Ein Teil der Familie lebt hier. Meine Kinder sind hier geboren, gehen hier in den Kindergarten und in die Schule. Sind hier verwurzelt. Sollen wir sie aus dem raus reißen? 

Wollen wir denn in Sachsen bleiben? Trotz des politischen Klimas? Trotz der Stimmen die Richtung AfD wandern. Trotz der Angriffe, der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit, des Rassismus?

Dann ziehen wir eben weg

Mittagspause im Büro. Anfang Mai, Ende des Monats wird gewählt. Das Europaparlament und der Stadtrat. Wir reden über alltägliches Blabla und über die kommenden Wahlen. Auch über die Landtagswahl im September. Alle samt mit einem flauen Gefühl im Magen. Einige überlegen tatsächlich, falls eine Koalition von CDU und AfD in Sachsen zu Stande kommt, Leipzig zu verlassen:


“Dann ziehen wir eben weg.”
“Aber das ist doch auch keine Lösung. Man kann doch nicht einfach abhauen. Man muss sich dem doch entgegen setzen.”
“Das hab ich so oft schon getan. Aber immer vergebens.”


Wollen wir denn bleiben?

Die Prognosen und aktuelle Umfragen malen ein blau-schwarzes Bild für die kommenden Landtagswahlen im Herbst. Andere, bunte Farben sind in der Minderheit. Die AfD hat sich zum festen Bestandteil entwickelt und es trennen sie nur noch wenige Prozentpunkte von der CDU. Und auch vor Leipzig macht diese Entwicklung nicht halt: Seit der letzten Kommunalwahl sitzt die AfD auch hier in Fraktionsstärke im Stadtrat und Ende Mai wird neu gewählt.

Wollen wir denn unter diesen Umständen hier bleiben? Welche Auswirkungen hätte eine Regierung unter AfD-Beteiligung für Sachsen? Ich mag gar nicht an ein Kultus- also ein Schulministerium unter AfD-Leitung nachdenken. Ja ich weiß, die Mühlen mahlen auch in den Ministerien langsam. Aber ein doofes Gefühl ist da jetzt schon da.

Wir bleiben.

Wir bleiben hier. Wir gehen wählen. Wir sprechen mit unseren Kindern darüber. Wir schauen – altersgerecht – auf die Geschichte Deutschlands und der Welt. Wir erklären Ihnen unsere Grundrechte – Themen wie Menschenwürde und Meinungsfreiheit verstehen auch 5- und 8jährige Kinder. Wir sprechen über Begriffe wie Freiheit und Toleranz; über Ausgrenzung und Rassismus; über unterschiedliche Religionen und Identitäten. Und ganz oft über gegenseitigen Respekt. Wir nehmen uns Bücher und Filme zu Hilfe, wenn wir mit unseren eigenen Erlebnissen, Erfahrungen und Wissen nicht weiter kommen. Wir suchen Anknüpfungspunkte im Alltag, freuen uns über das immer bunter werdende Leipzig und entdecken gemeinsam mit ihnen die Vielfalt in der Stadt, in Sachsen, in Europa und in der Welt.

Und ihr?

1 Comment
  • Anne

    16. Mai 2019 at 09:13 Antworten

    Bisher war in unserer Ecke von Leipzig kaum bis gar nichts von den Auswirkungen der AfD zu spüren. Klar nerven all die Wahlposter. Und jetzt wo mein Sohn lesen lernt, stellt er mir mitunter schwierige Fragen. Doch ich gehe offen mit dem Thema um. In seiner Klasse und in seinem Freundeskreis sind Ausländer. Von Rassismus ist bei den Kindern nicht mal ein Hauch zu spüren. Was ich wunderbar finde und mit Freude unterstütze.

    Es wäre schade, wenn man aus politischen Gründen aus seiner Wahlheimat flüchten würde. Aber verstehen würde ich es tatsächlich.

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